Brasilien stand bei mir lange ziemlich weit oben auf der Liste der Länder, die ich irgendwann einmal sehen wollte. Im April 2015 war es dann soweit. Vier Wochen, vier Freunde aus unserem Master-Studium und eine Route, die zumindest auf der Karte halbwegs sinnvoll aussah: São Paulo, Santos, Guaratinguetá, Rio de Janeiro, die Iguazú-Wasserfälle und am Ende wieder zurück nach Rio.
Was sollte da schon schiefgehen? Eine Frage, die man besser nicht stellt, wenn man mit mir verreist.
São Paulo – einmal kurz eine der größten Städte der Welt anschauen

Unser Flug landete früh morgens in São Paulo. Und mit früh morgens meine ich eine Uhrzeit, zu der man nach einem Langstreckenflug eigentlich genau zwei sinnvolle Möglichkeiten hat: Schlafen oder zumindest so tun, als hätte man vor zu schlafen. Wir entschieden uns für Möglichkeit drei und zogen direkt nach dem Check-in im Hotel los.
São Paulo ist riesig. Schon beim Landeanflug bekommt man einen ersten Eindruck davon. Man schaut aus dem Fenster, sieht Häuser, Häuser, noch mehr Häuser und wartet darauf, dass irgendwann die Stadtgrenze kommt.

Wir landeten irgendwo in diesem Häusermeer, stellten unsere Sachen ins Hotel und liefen anschließend durch die Stadt. Wir besuchten Straßenmärkte, schauten uns um und kamen relativ schnell mit einer weiteren brasilianischen Tradition in Kontakt: Caipirinha. Heute weiß ich, dass man bei einem brasilianischen Caipirinha durchaus etwas vorsichtiger sein sollte. Damals wusste ich es nach zwei Bechern. Die Dinger waren nämlich nicht nur ziemlich lecker, sondern auch bemerkenswert effizient. Zwei Stück später hatte ich einen sitzen, obwohl der Tag im Grunde gerade erst angefangen hatte. Brasilien 1, Christian 0.
Auf einem der Straßenmärkte kamen wir außerdem an einer Capoeira-Gruppe vorbei. Zuschauen hätte vollkommen gereicht. Aber wenn man schon einmal da ist, kann man natürlich auch selbst versuchen, bei einer brasilianischen Mischung aus Kampfkunst, Tanz und Akrobatik mitzumachen. Ich kann rückblickend sagen: Die Brasilianer machen das besser.
Uni, Partyboot und Paraty
Da wir nicht ausschließlich zum Urlaubmachen in Brasilien waren, stand auch tatsächlich etwas halbwegs Seriöses auf dem Programm: der Besuch einer Universität. Das Schöne an solchen Studienreisen ist ja, dass man sich offiziell mit Bildung beschäftigen kann und wenige Stunden später auf einem kleinen Partyboot durch eine brasilianische Bucht fährt. Und genau das taten wir. Mit einem kleinen Boot ging es raus aufs Wasser, irgendwo zwischen Bootstour, Party und der Erkenntnis, dass Brasilien vom Wasser aus noch einmal komplett anders aussieht. Keine riesige Metropole mehr, sondern grüne Hänge, kleine Buchten und das Meer vor der Nase. Das ganze ging aus vom kleinen Örtchen Paraty.
Paraty ist so ziemlich das Gegenteil von São Paulo. Statt endloser Hochhäuser gibt es hier eine historische Altstadt mit niedrigen Häusern, Kopfsteinpflaster und kleinen Gassen. Wer auf einer Brasilien-Rundreise ohnehin zwischen São Paulo und Rio unterwegs ist, kann den Ort deshalb gut als Zwischenstopp einbauen.

Willkommen im brasilianischen Taka-Tuka-Land
Unser nächster Stopp führte uns nach Guaratinguetá und dort auf die Farm eines Einheimischen. Ich weiß nicht mehr, was ich vorher genau erwartet hatte. Wahrscheinlich einfach eine Farm. Was wir bekamen, sah allerdings eher aus, als hätte jemand Pippi Langstrumpf nach Brasilien versetzt und ihr gesagt, sie dürfe sich bei der Gestaltung komplett austoben. Mein erster Gedanke: brasilianisches Taka-Tuka-Land.

Überall gab es irgendetwas zu entdecken, alles wirkte ein bisschen improvisiert und gleichzeitig genau deshalb ziemlich passend. Solche Orte bleiben mir auf Reisen meistens stärker im Gedächtnis als irgendein perfekt durchgeplantes touristisches Highlight. Man steht irgendwo, wo man alleine vermutlich niemals gelandet wäre, und versucht erst einmal zu verstehen, was man da eigentlich gerade sieht. Genau dafür sind Rundreisen ziemlich gut.
Santos – Strand und ein Hafen mit leichtem Größenproblem
Zwischendurch musste natürlich auch ein klassischer Strandtag sein. Brasilien ohne Strand wäre schließlich ungefähr so konsequent wie vier Wochen Italien ohne Pizza. Kann man machen, muss man aber niemandem erzählen. In Santos besuchten wir außerdem den Hafen. Ich komme aus Deutschland und kannte natürlich den Hamburger Hafen. Dementsprechend dachte ich, ich hätte zumindest eine ungefähre Vorstellung davon, wie ein großer Hafen aussieht.
Nein.
Der Hafen von Santos spielt noch einmal in einer anderen Liga. Frachtschiffe, Container, Kräne und Hafenanlagen ziehen sich gefühlt ewig hin. Hamburg wirkt dagegen ein bisschen wie eine Teichlandschaft mit angeschlossenem Fischbrötchenverkauf.
Drei Wochen Rio de Janeiro
Den größten Teil unserer Reise verbrachten wir anschließend in Rio de Janeiro. Und Rio ist eine dieser Städte, bei denen man schon nach kurzer Zeit versteht, warum sie ständig auf irgendwelchen Postkarten, Bildschirmschonern und Reiseplakaten auftaucht. Berge mitten in der Stadt, Strände, Hochhäuser und dazwischen immer wieder Aussichtspunkte, von denen man auf dieses komplette Durcheinander hinunterschaut.


Stop 1: Der Zuckerhut, gehört halt zum Pflichtprogramm.
Mit der Seilbahn ging es nach oben und von dort hat man tatsächlich einen ziemlich beeindruckenden Blick über Rio, die Buchten und die umliegenden Berge. Noch bekannter ist allerdings der andere Berg der Stadt. Also hoch zum Cristo Redentor. Die Christusstatue gehört zu den Sehenswürdigkeiten, bei denen ungefähr jeder Besucher dasselbe Foto machen muss: Arme ausbreiten und Christus nachmachen. Natürlich fanden wir das völlig albern. Natürlich haben wir es trotzdem gemacht.
Ein Besuch in Santa Marta
Zu Rio gehören aber nicht nur Copacabana, Zuckerhut und Christusstatue. Die Stadt ist gleichzeitig geprägt von ihren Favelas. Wir besuchten Santa Marta. Das war für mich einer der interessantesten Teile des Aufenthalts, weil man innerhalb derselben Stadt plötzlich in einer komplett anderen Welt steht. Enge Wege, dicht gebaute Häuser und immer wieder Ausblicke über Rio. Und bewaffnete Sicherheitskräfte. Was einem natürlich sofort ein unglaubliches Gefühl von Sicherheit gibt, wenn überall Männer mit großen Waffen herumlaufen. Logisch. Unabhängig davon war der Besuch spannend, weil man dadurch zumindest einen kleinen Eindruck von einem Teil Rios bekommt, den man vom Zuckerhut aus zwar sehen kann, aber nicht wirklich kennenlernt.

Maracanã – einmal in einem der berühmtesten Stadien der Welt stehen
Als Fußballfan durfte natürlich auch das Maracanã nicht fehlen. Allein der Name reicht eigentlich schon. WM-Endspiele, brasilianischer Fußball und ein Stadion, das weltweit fast jeder kennt, der schon einmal einen Ball gesehen hat. Also schauten wir uns auch das an. Dass ich dieses Stadion wenige Zeit später noch aus einer ganz anderen Perspektive kennenlernen würde, wusste ich zu diesem Zeitpunkt zum Glück noch nicht.
Iguazú – Wasser. Sehr viel Wasser.
Von Rio ging es für uns außerdem zu den Iguazú-Wasserfällen. Und wenn man schon den Weg dorthin auf sich nimmt, sollte man sich meiner Meinung nach tatsächlich beide Seiten anschauen. Die Wasserfälle liegen an der Grenze zwischen Brasilien und Argentinien und die Perspektiven unterscheiden sich deutlich. Vereinfacht gesagt bekommt man von der brasilianischen Seite eher den großen Überblick, während man auf der argentinischen Seite deutlich näher an die einzelnen Fälle herankommt. Wir machten beides.
Zusätzlich entschieden wir uns für eine Bootstour unten an den Wasserfällen. „Bootstour“ klingt dabei angenehm entspannt. Man könnte sich ein kleines Schiff vorstellen, auf dem man gemütlich sitzt, Fotos macht und die Wasserfälle aus sicherer Entfernung betrachtet. So funktioniert das dort nicht unbedingt. Das Boot fährt ziemlich nah an die Wassermassen heran und spätestens danach braucht man sich über trockene Kleidung keine Gedanken mehr zu machen. Aber genau deshalb lohnt es sich.
Eine meiner liebsten Erinnerungen an Iguazú hat allerdings überhaupt nichts mit den Wasserfällen zu tun. Wir hatten einen Taxifahrer, der uns auf die argentinische Seite brachte. Erst dort fiel uns ein kleines Problem auf: Wir hatten kein argentinisches Geld und es gab auch keinen funktionierenden Geldautomaten. Unser Taxifahrer nahm es erstaunlich gelassen. Er vertraute uns tatsächlich so weit, dass er uns erst einmal dort ließ. Stunden später riefen wir ihn wieder an, er holte uns ab und fuhr anschließend mit uns zu einem Geldautomaten, damit wir ihn überhaupt bezahlen konnten.
Dann trank ich einen Orangensaft
Bis hierhin lief die Reise eigentlich erstaunlich gut. Dann kam der Orangensaft.
Irgendwo auf der Straße kaufte ich mir einen frisch zubereiteten O-Saft. Kann man in Brasilien ja durchaus mal machen. Was danach passierte, lässt sich relativ einfach zusammenfassen: Ich musste mich übergeben. Und noch einmal. Und noch einmal. Insgesamt ungefähr 18 Mal. Ich habe nicht mitgezählt. Irgendwann verliert Statistik auch ihren Mehrwert. Das Problem war außerdem, dass unser Reiseprogramm deshalb nicht plötzlich aufhörte. Ich übergab mich in der U-Bahn. Ich übergab mich im Stadion. Ich übergab mich am Flughafen. Rio de Janeiro hat viele Sehenswürdigkeiten. Ich habe einige davon aus einer ungewöhnlichen Körperhaltung gesehen.
Besonders schön wurde es am Flughafen. Wie es der Zufall wollte, war das unser letzter Tag bzw. die letzten Stunden vor Abflug. Mein Kreislauf hatte inzwischen offenbar ebenfalls beschlossen, Brasilien verlassen zu wollen. Also landete ich im Rollstuhl und wurde durch den Flughafen gefahren. Dort bekam ich zwei Liter Kochsalzlösung verpasst und wurde anschließend noch in eine goldene Rettungsdecke eingewickelt.
Falls ihr euch also fragt, wie man nach vier Wochen Brasilien möglichst würdevoll die Heimreise antritt: Im Rollstuhl, mit Infusion und eingepackt wie ein überdimensionierter Schoko-Osterhase ist vermutlich nicht die optimale Variante.
Immerhin durfte ich fliegen. Das war zu diesem Zeitpunkt tatsächlich keine Selbstverständlichkeit mehr.
Was von Brasilien geblieben ist

Neben meinem sehr persönlichen Konflikt mit brasilianischem Orangensaft sind mir von der Reise vor allem die Gegensätze im Gedächtnis geblieben.
São Paulo ist so groß, dass man aus dem Flugzeug gefühlt keine Stadtgrenze findet. Wenige Tage später steht man auf einer Farm, die aussieht wie Taka-Tuka-Land. In Rio fährt man mit der Seilbahn auf den Zuckerhut, läuft durch eine Favela und liegt wenig später am Strand. Und in Iguazú steht man vor Wassermassen, deren Dimension man auf Fotos vorher einfach nicht richtig versteht.
Und dann wäre da noch die brasilianische Stromverkabelung.
Wer deutsche Sicherungskästen gewohnt ist, sollte sich gelegentlich einmal einen brasilianischen Strommast anschauen. Kabel laufen kreuz und quer, mehrere Leitungen hängen übereinander und an manchen Stellen sieht das Ganze aus, als hätte jemand eine Kiste mit schwarzen Spaghetti über einem Mast ausgekippt.
Es funktioniert offenbar.
Vier Wochen Brasilien waren jedenfalls lang genug, um sehr unterschiedliche Seiten des Landes zu sehen, und gleichzeitig viel zu kurz, um auch nur ansatzweise behaupten zu können, Brasilien verstanden zu haben.
Wir haben riesige Städte gesehen, Strände besucht, Universitäten angeschaut, sind Boot gefahren, durch Rio gezogen, standen auf dem Zuckerhut und vor den Iguazú-Wasserfällen, sind mit einem Viersitzer-Fahrrad umgekippt und haben einem Taxifahrer Geld geschuldet, ohne ihn bezahlen zu können.
Und ich habe gelernt, dass zwei brasilianische Caipirinhas vollkommen ausreichen können.
Und ein Orangensaft manchmal schon einer zu viel ist.
Expeleon