Marokko machen wir vielleicht morgen

Dazu ist Marokko von Deutschland aus schnell genug erreicht, dass man nicht erst einen halben Urlaubstag im Flugzeug verbringen muss. Und trotzdem ist man nach der Landung ziemlich schnell an einem Ort, der mit einem deutschen Herbst ungefähr so viel zu tun hat wie ein Eselkarren mit der StVO. Aber dazu später mehr.

Unsere Route bestand aus drei Stationen: Marrakesch, Essaouira und Agadir. Und das alles mit einem Mietwagen (an der Stelle schon die klare Empfehlung dafür). Und die drei Orte hätten unterschiedlicher kaum sein können.

Marrakeschs Klüngel

Allein Marrakesch kann man eigentlich kaum mit Worten beschreiben. Da dieser Bericht dann allerdings sehr kurz ausfallen würde, werde ich natürlich trotzdem davon erzählen.

Wer sich mit dem Thema Marokko auseinandersetzt, kommt um den Begriff „Riad“ nicht herum. Damit ist eine Art Gasthaus gemeint, also ein sehr kleines, häufig privat geführtes Hotel mit wenigen Zimmern. Unseres hieß Dar Alif und lag mitten in der Medina von Marrakesch.

Erster Pluspunkt: Ein Fahrer sammelte uns direkt am Flughafen ein und brachte uns in die Stadt.
Erste Herausforderung: Diesen Fahrer beziehungsweise unsere Namen auf dem Platz vor dem Flughafen-Terminal überhaupt zu finden.
Der Inhaber unseres Riads, ein Franzose, schien den Fahrer jedenfalls ganz gut zu kennen. Angestellt war er nicht. Wie wir später erfuhren, war er gleichzeitig Tourguide, Taxifahrer und vermutlich bei Bedarf auch Apotheker, Elektriker und Hochzeitsplaner.

An dieser Stelle war uns klar: Hier kennt jeder jeden und jeder kennt jemanden, der genau das kann, was man gerade braucht. In Köln nennt man das Klüngel. Die Fahrt endete irgendwann an dem letzten Punkt, der mit einem Auto noch erreichbar war. Ab dort ging es zu Fuß weiter. Und damit hinein in ein System aus kleinen Gassen, Abzweigungen und Durchgängen, bei dem ich schon nach etwa 90 Sekunden wusste: Hier finden wir nie wieder hin.

Von oben betrachtet ergibt die Medina bestimmt irgendeinen Sinn. Aus der eigenen Perspektive sah das eher aus wie ein Labyrinth, das jemand absichtlich so gebaut hat, damit Google Maps irgendwann aufgibt. Umso größer war der Kontrast, als wir die Tür des Dar Alif öffneten. Draußen enge und staubige Gassen, Mopeds und Trubel. Drinnen plötzlich Ruhe. Ein komplett renovierter Innenhof, ein kleiner Pool in der Mitte und darüber eigentlich nur der offene Himmel beziehungsweise ein Sonnensegel.
Zur Begrüßung gab es Gebäck und den obligatorischen marokkanischen Minztee. Die Zimmer hatten mit klassischen Hotelzimmern ebenfalls wenig gemeinsam. Große Betten, individuell eingerichtete Räume, ein wahnsinnig aufmerksamer Service und oben eine Dachterrasse, auf der unter anderem das Frühstück serviert wurde. Überhaupt war die Atmosphäre zwischen Gästen und Mitarbeitern von Anfang an fast familiär. Klassische Türschlösser schienen eher optional zu sein. Vermisst haben wir sie trotzdem nicht.

Nachdem alle Formalitäten erledigt waren, brachte man uns noch einmal persönlich aus dem Gassenlabyrinth hinaus. Zurück ging es dann unter meiner Führung. Mit strengem Blick auf jede einzelne Abbiegung. Man möchte ja schließlich irgendwann auch wieder schlafen gehen.

„Vielleicht morgen“

Wir waren dieses Mal erstaunlich planlos unterwegs und sind am ersten Tag fast ausschließlich blind durch Marrakesch gelaufen. Und das war genau richtig. Ich habe selten eine Stadt erlebt, in der von allen Seiten gleichzeitig so viele Eindrücke auf einen einprasseln. Vegas vielleicht. Überall passiert irgendetwas. Händler, Marktstände, Taxifahrer, Esel und Mopeds. Ungefähr in dieser Reihenfolge der Häufigkeit.

Das Zentrum des Ganzen ist der Djemaa el Fna, der große Platz mitten in der Medina. Rundherum beginnen die Souks und spätestens dort kann man jeden Versuch einer vernünftigen Orientierung eigentlich einstellen. Man läuft einfach los. Und irgendwann kommt man irgendwo wieder raus. Hoffentlich.

Wie man mit den Händlern und ihren „Shops“ umgeht, haben wir ebenfalls erst Schritt für Schritt gelernt.

Erste Erkenntnis: Beim kleinsten Anflug von Augenkontakt wirst du aus ungefähr 30 Metern Entfernung als potenzieller Kunde identifiziert. Wenn du dann am Laden angekommen bist, läuft die Verkaufsoffensive bereits. Dagegen hilft auch nichts.
Zweite Erkenntnis: Eigentlich wollen sie sich nur unterhalten. Und einem ihre Kräuter, Wurzeln, Lampen, Teppiche, Gewürze, Steine und sonstigen Dinge zeigen. Natürlich unterscheidet sich das Sortiment fundamental vom Shop direkt daneben. Logo.
Besonders häufig benutzte ich deshalb irgendwann die Worte: „Vielleicht morgen.“
Das ist freundlich, unverbindlich und verschiebt das Problem erfolgreich um 24 Stunden. Wie viele „bis morgen“ ich während dieser Tage verteilt habe, weiß ich nicht mehr. Ich hätte wahrscheinlich mehrere Monate in Marrakesch bleiben müssen, um meine ganzen angekündigten Termine noch einzuhalten.

Trotzdem darf man sich diesem ganzen Theater auf keinen Fall komplett entziehen. Handeln gehört dazu. Sich Dinge zeigen lassen auch. Und wer erwartet, einfach anonym durch die Souks schlendern zu können wie samstags durch die Kölner Innenstadt, hat das Prinzip von Marrakesch noch nicht ganz verstanden. Einfach darauf einlasse, nicht alles kaufen, und vor allem nicht bei jedem Händler erzählen, dass man morgen wiederkommt.

Abends verändert sich der Djemaa el Fna noch einmal komplett. Essensstände werden aufgebaut, überall steigt Rauch auf und die ganze Stadt scheint sich dort zu versammeln. Und Rauch scheint in Marrakesch ohnehin eine gewisse Faszination auszuüben. Wenn irgendwo irgendetwas brennt – und sei es ein Reifenstapel – findet sich garantiert noch jemand, der ein Räucherstäbchen hineinsteckt. Dann riecht es wenigstens gut. Zwischendurch sitzt man auf irgendeiner Dachterrasse, trinkt Minztee und schaut von oben auf dieses komplette Durcheinander. Und plötzlich ist es erstaunlich ruhig. Denn Marrakesch besteht eben nicht nur aus Staub, Marktständen und Mopeds. Hinter Mauern und unscheinbaren Türen verstecken sich immer wieder grüne Innenhöfe, Gärten und Riads.

Die StVO

Kommen wir zum Straßenverkehr. So etwas wie eine Straßenverkehrsordnung gibt es in Marrakesch bestimmt in der Theorie.
Praktisch wird sie eher als lose Empfehlung verstanden. Solange vier Personen auf einen Roller passen, sehe ich jedenfalls wenig Chancen auf eine flächendeckende Umsetzung. Mopeds fahren durch Gassen, in denen ich schon zu Fuß über Gegenverkehr nachdenken würde. Dazu kommen Fahrräder, Esel, Autos, Fußgänger und irgendwo mittendrin wir.
Taxifahren ist deshalb ebenfalls nicht mit normalem Autofahren zu verwechseln. Es ist eher eine Art organisierte Fortbewegung unter permanenter Neuverhandlung der verfügbaren Verkehrsfläche. Wer zuerst da ist, fährt. Wer eine Lücke sieht, fährt auch. Wer keine Lücke sieht, hupt. Und fährt dann vermutlich ebenfalls.
Dazwischen liegen die klassischen Sehenswürdigkeiten der Stadt. Paläste, die Saadier-Gräber, Moscheen und immer wieder kleine Einblicke in den normalen Alltag. Das ist teilweise wunderschön, teilweise chaotisch und teilweise auch gewöhnungsbedürftig. Gerade beim Umgang mit Tieren oder bei den Lebensbedingungen sieht man Dinge, die mit unserem europäischen Alltag wenig gemeinsam haben. Und mehrmals am Tag ertönt über der Stadt der Gebetsruf. Beim ersten Mal ist das durchaus beeindruckend, beim zweiten Mal auch und irgendwann versteht man dann, dass die Lautsprecher nicht den allgemeinen Notstand ausgerufen haben, sondern schlicht zum Gebet rufen.

Skigebiet Marrakesch

Was ich vor dieser Reise ebenfalls nicht wusste: In Marokko kann man Ski fahren. Kein Scherz. Etwa südlich von Marrakesch beginnt das Atlasgebirge und dort liegt im Winter tatsächlich Schnee. Mit Oukaïmeden gibt es sogar ein richtiges Skigebiet.

Bei unseren 30 Grad in Marrakesch war Skifahren zwar noch kein Thema, aber allein der Gedanke ist etwas absurd: morgens durch die Hitze der Medina laufen und theoretisch wenige Stunden später im Schnee stehen. Wir entschieden uns deshalb für eine Tour ins Atlasgebirge. Natürlich organisiert über jemanden, der jemanden kannte.

Mit Fahrer und Guide ging es aus Marrakesch heraus und die Landschaft veränderte sich ziemlich schnell. Der Trubel verschwand, die Straßen wurden kleiner und irgendwann standen statt Häuserblocks Berge vor uns. Unterwegs hielten wir immer wieder an Aussichtspunkten und kleinen Orten. Wir sahen, wie Arganöl hergestellt wird, liefen durch die Landschaft und bekamen zumindest einen Eindruck davon, wie schnell man von Marrakesch aus in einer völlig anderen Umgebung landet.

Der spannendste Teil kam allerdings beim Mittagessen. Wir aßen bei einer Berberfamilie. Nicht in einem Restaurant, das aussah wie das Haus einer Berberfamilie. Sondern tatsächlich bei einer Familie zu Hause. Für uns war das natürlich spannend. Noch interessanter war allerdings, dass die Familie offenbar genauso neugierig auf uns war. Einige von ihnen hatten vorher noch nie Europäer gesehen. Damit waren wir für einen kurzen Moment offenbar selbst die Sehenswürdigkeit.

Das Essen war entsprechend wenig touristisch inszeniert. Wir saßen zusammen, bekamen mehrere Gerichte aufgetischt und versuchten uns irgendwie zu verständigen. Genau solche Momente bleiben bei mir von Reisen meistens stärker hängen als die Sehenswürdigkeiten, die sowieso auf jedem Reiseführer stehen.

Essaouira – wirklich vier Vokale hintereinander

Nach Marrakesch ging es weiter nach Essaouira. Ja, das schreibt man wirklich so. Und ja, da stehen wirklich vier Vokale direkt hintereinander. Nach Marrakesch fühlte sich Essaouira zunächst an, als hätte jemand die Lautstärke heruntergedreht. Die Stadt liegt direkt am Atlantik und ist wesentlich kleiner. Weiße Häuser, eine überschaubare Medina, Stadtmauern und dahinter das Meer.

Vor allem aber konnte man plötzlich durch Geschäfte laufen und Dinge anschauen, ohne sofort für den letzten verbliebenen Kunden auf diesem Planeten gehalten zu werden. Sehr angenehm. Fast schon verdächtig. Der verschlafene Eindruck endet allerdings spätestens am Hafen.
Boote kommen rein, Fischer sortieren ihren Fang und überall wird Fisch verkauft. Frischer bekommt man ihn vermutlich nur, wenn man selbst ins Wasser springt. Das Schöne daran: Man kann sich seinen Fisch direkt aussuchen, kaufen und anschließend in unmittelbarer Nähe zubereiten lassen. Keine große Speisekarte, keine kreative Beschreibung mit „an mediterranem Gemüse“. Da liegt der Fisch. Den nehme ich. Bitte warm machen. Fertig.

Essaouira war insgesamt der perfekte Gegenpol zu Marrakesch. Weniger hektisch, kleiner, Atlantik statt Großstadt und eine Medina, in der man sich zwar ebenfalls verlaufen kann, aber zumindest eine realistische Chance hat, irgendwann wieder herauszufinden.

Ein wenig Unvernunft

Unsere letzte Etappe ging dann von Essaouira nach Agadir an der Küste entlang.

Mietwagen und marokkanischer Straßenverkehr klingt nach den Erfahrungen in Marrakesch zunächst nach einer Kombination, bei der eine gute Vollkaskoversicherung wichtiger ist als der Motor. Tatsächlich war es aber viel einfacher als gedacht. Sobald man Marrakesch verlässt, hat der Straßenverkehr nämlich plötzlich wieder erstaunlich viel Ähnlichkeit mit Straßenverkehr. Es gibt Straßen, Fahrspuren, und teilweise sogar Platz zwischen zwei Fahrzeugen. Verrückt.

Die Strecke von Essaouira Richtung Agadir führt größtenteils entlang der Atlantikküste und ist schon deshalb deutlich interessanter, als einfach irgendwo in einen Bus zu steigen. Man kann anhalten, wo man möchte, kleine Orte mitnehmen und bekommt wesentlich mehr von der Landschaft mit.

Ein Mietwagen ist für diese Kombination aus Marrakesch, Essaouira und Agadir deshalb tatsächlich eine ziemlich gute Lösung. Nur für Marrakesch selbst würde ich ihn freiwillig nicht haben wollen. Ich möchte Urlaub machen und nicht an einer Verkehrspsychose forschen.

Agadir – und dann noch ein bisschen Urlaub

Über Agadir gibt es im Vergleich zu Marrakesch und Essaouira erstaunlich wenig zu erzählen. Das ist nicht einmal negativ gemeint. Agadir ist einfach deutlich touristischer.
Große Hotels, breite Straßen, Strand, Promenade, Restaurants und eine Infrastruktur, bei der man ziemlich schnell versteht, warum viele Pauschalurlauber direkt hierher fliegen und die nächsten zehn Tage nirgendwo anders hinfahren.

Nach Marrakesch und Essaouira wirkte das auf uns fast ein bisschen unspektakulär. Aber vielleicht war genau das am Ende auch ganz gut. Denn nach Souks, Händlern, Minztee, Eseln, Mopeds, Atlasgebirge, Berberfamilien, Fischmärkten und einigen hundert ausgesprochenen „Vielleicht morgen“ konnte man zum Abschluss einfach noch ein paar Tage am Atlantik verbringen ohne sich zu verlaufen.

Marokko im Herbst? Würde ich wieder machen.

Was mich an dieser Reise am meisten überrascht hat, war, wie unterschiedlich diese drei Stationen waren.

Marrakesch war laut, chaotisch, anstrengend und gleichzeitig der mit Abstand interessanteste Teil der Reise. Wer zum ersten Mal nach Marokko fliegt, sollte meiner Meinung nach unbedingt ein Riad in der Medina nehmen und nicht irgendein großes Hotel außerhalb. Gerade dieses Wechselspiel aus komplettem Chaos vor der Haustür und Ruhe im Innenhof gehört für mich zur Stadt dazu. Für Marrakesch selbst braucht man keinen Mietwagen. Im Gegenteil. Vieles lässt sich zu Fuß erledigen und für weitere Strecken gibt es Taxis. Wer ins Atlasgebirge möchte, kann problemlos einen Fahrer oder eine geführte Tour organisieren.

Essaouira ist dagegen perfekt, wenn einem Marrakesch irgendwann etwas zu viel wird. Die Stadt ist kleiner, entspannter und liegt direkt am Atlantik. Zwei oder drei Tage kann man dort problemlos verbringen.

Und Agadir? Agadir ist dann der Ort, an dem man Urlaub vom Urlaub machen kann.

Die Kombination würde ich jedenfalls wieder genauso machen. Vor allem im deutschen Herbst.
Während zu Hause vermutlich jemand morgens bei acht Grad den Regenschirm aufspannt, sitzt man in Marokko bei knapp 30 Grad auf einer Dachterrasse und trinkt Minztee.

Man muss nur aufpassen, dass man dem Händler unten nicht versprochen hat, morgen wiederzukommen.

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